Wie eine FAZ Kritik an den Donaueschinger Musiktagen 2021 abgleitet

Ein Kritiker aus der FAZ macht sich Gedanken: Von der Kunst, an der Macht zu bleiben Die Neue Musik sorgt sich um Relevanz, Reichweite und Legitimation. Dass sie dabei politisch willfährig und ästhetisch gefällig wird, ließ sich bei den Donaueschinger Musiktagen studieren. Von Jan Brachmann
Unangebracht finde ich den Vorwurf an Chaya Czernowin, sie habe ein für ihren Profit gefälliges Stück geschrieben, das in seiner Realisation „nicht durch eine auf sonstige Weise spürbare Empathie für die Opfer des weißen Rassismus gegen Schwarze, durch ein integrales Rechnungtragen der Kunst gegenüber ihrem Gegenstand, wird das Werk zum Bekenntnis der „Wokeness“. Es solidarisiert sich mit der Black-Lives-Matter-Bewegung möglichst schnell und preiswert.“
Damit spricht er dem Stück von Ch. Czernowin jede Empathie ansprechende oder ausdrückende Qualität ab.
Eine subjektive Wertung, über die nur diskutieren kann, wer bei der Aufführung war -> „unhistoric Acts für Chor und Streichquartett“:
… „wird das Werk zum Bekenntnis der „Wokeness“ – wokeness ein Begriff, den ich zwar ab und an lese, aber was bedeutet er eigentlich?

„Als woke werden seit den späten 2010er Jahren Menschen bezeichnet, die ihrem Bewusstsein für Ungerechtigkeiten, Ungleichheit und Unterdrückung von Minderheiten Ausdruck verleihen möchten.“
aus Wikipedia


Was ist daran nun so falsch? Zum Bekenntnis der „Wokeness““ macht der Rezensent Jan Brachmann das Stück. Quasi höchst effizient spricht er der rechten FAZ Leserblase aus der Seele und koppelt daran seine Aversion gegen „the unhistoric Acts“. So dünn, da muß dann noch was nachgelegt werden, „schnell und preiswert“ ist die Solidarität mit der Black-Lives-Matter-Bewegung, welches antisemitische Klischee fehlt nun noch, vielleicht „wurzellos“ “ schlau“?
Im Text zu dem Videomitschnitt wird etwas auf das Stück eingegangen:
„Mit einem groß angelegten Werk für Chor und Streichquartett eröffnet die israelische Komponistin Chaya Czernowin das Festival. Ausgangspunkt ihres breiten psychologischen Tableaus Unhistoric Acts ist eine Passage aus George Eliotts Roman Middlemarch: Das Gute benötigt auch solche Handlungen, die nicht geschichtsträchtig sind. Czernowin nimmt diese Beobachtung zum Ausgangspunkt für Episoden aus der jüngeren Geschichte der USA, bei der es um Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten wie Abtreibung, Polizeigewalt und den Umgang mit Behinderten geht. So entsteht ein großflächiges Bild, das zwischen Literarischem und Alltäglichem, zwischen Historischem und vermeintlich Beiläufigem changiert.“

Bei SWR Classic fand ich noch einen Werkkommentar – zitiert weiter unten. Die Texte verweisen auf ganz andere Motive für die Konzeption der Unhistoric Acts.
Die nur auf Chaya Czernowin gerichtete Kritik in der Rezension der FAZ erscheint mir damit uninformiert und bösartig.
Dazu der Satz „ Es steht zu erwarten und längst zu beobachten, dass die Komponistinnen und Komponisten nun ihre Etüden in Wokeness so beflissen abliefern, wie ihre Metierkollegen einst unter Stalin Erntehelferballette und Traktorenballaden komponierten“ – das ist für mich Fischen am rechten Rand, keine Rezension. Falls es eine Kritik sein soll, dann ist der Kritiker mehr mit sich, denn mit dem Gegenstand seiner Kritik beschäftigt.

Werkkommentar
Das Stück Unhistoric Acts ist die mittlere Tafel des Triptychons VENA. VENA (Strom, Vene, Puls) besteht aus drei abendfüllenden Stücken, die zwischen den Jahren 2020 und 2023 entstehen. Die drei Teile sind: Memory Palace, Unhistoric Acts und Immaterial. Die Stücke sind unabhängig voneinander, jedes dauert einen ganzen Abend und kann für sich allein gespielt werden. Zusammen bilden sie jedoch auch ein großes Triptychon, das sich mit der Gegenwart aus drei verschiedenen Blickwinkeln auseinandersetzt.
Unhistoric Acts wurde für ein Streichquartett und ein 24-stimmiges Vokalensemble geschrieben. Es ist dem JACK Streichquartett, dem SWR Vokalensemble, Yuval Weinberg und dem Chor The Crossing mit ihrem Dirigenten Donald Nally in Philadelphia gewidmet.
„Denn das wachsende Gute in der Welt hängt zum Teil ab von unhistorischen Taten; und dass es um dich und mich nicht so schlimm steht, wie es könnte, das verdanken wir zur Hälfte den Menschen, die voll gläubigen Vertrauens ein Leben im Verborgenen geführt haben und nun in unbesuchten Gräbern ruhen.“
– George Eliot, Middlemarch
Der Text besteht aus drei Arten von Material:

  1. Kohelet (Ecclesiastes) Kapitel 3: „Alles hat eine bestimmte Zeit, und alles, was unter dem Himmel ist, hat seine Zeit; eine Zeit zum Leben und eine Zeit zum Sterben; eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Ausreißen.“
  2. Worte im Zusammenhang mit dem Mord an George Floyd. Die Worte seiner Schwester Bridgett Floyd: „Er war nie ein Fremder.“ Und die Worte von Darnella Frazier, der 19-jährigen Frau, die das Video von George Floyd aufgenommen hat: „Ich bin aufgeblieben und habe mich wieder und wieder bei George Floyd entschuldigt, weil ich nicht mehr getan habe und nicht eingegriffen und sein Leben nicht gerettet habe.“
  3. Vom Chor erdachte und gesprochene Worte, die jeder Sänger aus seiner eigenen Welt mitbringt, gemäß einigen Hinweisen. Hauptsächlich geht es in diesen individuell gesprochenen Texten um die Pandemie.
    Es ist ein Stück der Wut und der Trauer. Wut über die Ermordung von George Floyd und die damit verbundene historische Ungerechtigkeit und Trauer während einer Pandemie.
    Die Komponistin möchte Amnon Wolman und Dorothea Hartmann danken, die maßgeblich an der Entstehung des Stückes beteiligt waren

Skizzen – personale Ästhetik / Kritik

Gedanken über Ästhetik — ist die gefundene personale Ästhetik einer Künstler*in eine Qualität?
Oder anders formuliert, ist die noch nicht beendete Suche nach einer „Ästhetik“ eine berechtigte Kritik an einer Künstler*in.
Was sich kritisch zur Arbeit einer Künstler*in sagen lässte, die dazu noch eher jung ist – ist 30 jung? – und dazu aus einem osteuropäischen Land kommt: „sie ist noch auf der Suche nach einer ästhetischen Position“.

Donaueschinger Musiktage 2018, Zensur wegen „Kritik an Israel“?

Neue Musik und Politik.
Neue Kompositionen sollen sich einmischen in politische Diskussionen.
https://wielandhoban.wordpress.com/2018/08/15/zensur-in-donaueschingen/

zu einem Kommentar von Michael Leslie auf dieser Webseite :

„Die Auseinandersetzungen zwischen Israel und den Arabern auf das allgemeine Schema der kolonialistischen Interventionen herunter zu brechen zeigt ein kontextbefreites Geschichtsverständnis, das weder die Fakten mit einbezieht noch eine Relevanz in der Lösung der Probleme zeigen kann.“


mein 3. Kommentar auf der Webseite oben, keiner der Kommentare wird auf der Webseite angezeigt.

„Aber ich halte es für inakzeptabel, dass eine öffentliche Debatte durch Zensur verhindert wird, zu welchem Thema auch immer. Als Angestellter einer öffentlichen Rundfunkanstalt sollte Herr Gottstein nicht in der Lage sein, aus persönlicher Überzeugung die Behandlung eines Themas zu verhindern. Natürlich können Intendant*innen entscheiden, welche Projekte sie für sinnvoll oder interessant halten. Aber hier geht es nicht um ein bestimmtes Projekt, nicht um eine bestimmte Person, denn Gottsteins Worte sind ein absolutes Verbot für alle Komponist*innen, die etwas zu diesem Thema zu sagen hätten.“ (Zitat aus dem obigen Text von W. Hoban)

Wie jetzt, zunächst wird B. Gottstein zum Angestellten erklärt, und dieser Angestellte kann wenig später ein absolutes Verbot aussprechen. Wie kann er das bewerkstelligen? Teile des Zyklus wurden schon aufgeführt, gab es Verbote, Verbotsdrohungen, Boykottaufrufe?

Und warum können einerseits „Intendant*innen entscheiden, welche Projekte sie für sinnvoll oder interessant halten. Wenn sie es dann aber tun, dann können sie es doch nicht, weil die Komponist*innen „etwas zu diesem Thema zu sagen hätten“ – was sie auch ständig tun. Ums Projekt geht es hier nicht mehr, vielmehr ums sagen. Was wurde jetzt verboten, das Projekt oder das „sagen“?
Meiner Meinung nach weder noch, das Projekt kann wo auch immer aufgeführt werden, Israel wird permanent kritisiert oder diffamiert – nur wird das Projekt nicht bei den Donaueschinger Musiktagen aufgeführt. 

Zensur ist das nicht, es ist das Recht des künstlerischen Leiters,  einem Projekt eine Absage zu erteilen.

Israelbezogener Antisemitismus ist die aktuell gängigste Form des Antisemitismus – auch in Deutschland. Daher würde ich es für ein fatales Signal halten, wenn bei den Donaueschinger Musiktagen ausgerechnet Israel als einziger Staat in einem Musikstück massiv kritisiert wird.“

(Zitat aus der oben zitierten Stellungnahme von B. Gottstein)

Die Stellungnahme zu dieser Begründung von B. Gottstein, der sich als künstlerischer Leiter und Privatperson dazu äußert, fällt dann eher herablassend aus: wegen der „Last der vergangenen deutschen Verbrechen“ wäre „Kritik am Staat Israel“ in Deutschland ein „sehr unbequemes Thema“.
Mit anderen Worten, es will sich Keiner Probleme machen, daher halten viele die Klappe, aus Angst davor, in die antisemitische Ecke gestellt zu werden. Sind „Spiegel“, „Stern“, „Die Zeit“ u.a. meinungsbildende Zeitschriften unbequeme Minderheitenblätter? Nein, sie schwimmen mit ihrer Kritik an Israel auf einer Welle der Zustimmung.
Die Fortsetzungstexte der ganz „Unbequemen“ füllen dann die Kommentarspalten, je mutiger die sich selbst halluzinieren, desto radikaler.
„Unbequem“ könnte mit „sehr virulent“ ersetzt werden, Kritik an Israel ist der Garant für breite Zustimmung und viele Klicks von vielen sich „total herrschaftsfrei“ gerierenden . 

Die Diskussion vor und auf der Ruhrtriennale zeigte das vor kurzem:

https://jungle.world/artikel/2018/34/karneval-der-israel-hasser

gepostet am 25.8.2018

…“Der letzte Urwald Europas in den Händen von Ikea“ oder wie Ikea die Korruption braucht…

… ein gut recherchierter Artikel bei www.netzfrauen.org über  Korruption in Rumänien, den Kahlschlag in rumänischen Wäldern  mit finanzieller Förderung durch die EU und den größten Privatwaldbesitzer in Rumänien: Ikea.

Nebenbei informiert der Artikel über dieses Geflecht:

„Während die meisten IKEA-Filialen unter der direkten Einschränkung der Ingka Holding und der Ingka-Stiftung tätig sind, gehört die IKEA-Marke und das Konzept zu einem völlig separaten niederländischen Unternehmen:  Inter IKEA Systems. Jeder IKEA-Shop, einschließlich der von Ingka Holding geführten, zahlt eine Franchise-Gebühr von 3% des Umsatzes an Inter IKEA Systems. Das Eigentum an Inter IKEA Systems ist äußerst kompliziert und letztlich ungewiss. Inter IKEA Systems befindet sich im Besitz der in Luxemburg registrierten Inter IKEA Holding. Inter IKEA Holding wiederum gehört zu einer identisch benannten Firma in den Niederländischen Antillen, die von einer Treuhandgesellschaft mit Sitz in Curaçao geführt wird. Die Besitzer dieses Treuhandunternehmens sind unbekannt (IKEA weigert sich, sie zu nennen.), werden aber als Mitglieder der Kamprad-Familie angenommen. Quelle. ukessays.comDa die INGKA Holding im Besitz der gemeinnützigen INGKA-Stiftung ist, wird keiner dieser Gewinne besteuert. Der gemeinnützige Status der Stiftung bedeutet auch, dass die Kamprad-Familie diese Gewinne nicht direkt ernten kann, aber die Kamprads sammeln einen Teil der IKEA-Umsatzgewinne durch die Franchising-Beziehung zwischen INGKA Holding und Inter IKEA Systems.“

mit dabei, ein video mit: The story of how IKEA and HARVARD found themselves mired in a corruption scandal in one of Europe’s poorest countries.

… ein gut recherchierter Artikel bei www.netzfrauen.org über  Korruption in Rumänien, den Kahlschlag in rumänischen Wäldern  mit finanzieller Förderung durch die EU und den größten Privatwaldbesitzer in Rumänien: Ikea.

Nebenbei informiert der Artikel über dieses Geflecht:

„Während die meisten IKEA-Filialen unter der direkten Einschränkung der Ingka Holding und der Ingka-Stiftung tätig sind, gehört die IKEA-Marke und das Konzept zu einem völlig separaten niederländischen Unternehmen:  Inter IKEA Systems. Jeder IKEA-Shop, einschließlich der von Ingka Holding geführten, zahlt eine Franchise-Gebühr von 3% des Umsatzes an Inter IKEA Systems. Das Eigentum an Inter IKEA Systems ist äußerst kompliziert und letztlich ungewiss. Inter IKEA Systems befindet sich im Besitz der in Luxemburg registrierten Inter IKEA Holding. Inter IKEA Holding wiederum gehört zu einer identisch benannten Firma in den Niederländischen Antillen, die von einer Treuhandgesellschaft mit Sitz in Curaçao geführt wird. Die Besitzer dieses Treuhandunternehmens sind unbekannt (IKEA weigert sich, sie zu nennen.), werden aber als Mitglieder der Kamprad-Familie angenommen. Quelle. ukessays.comDa die INGKA Holding im Besitz der gemeinnützigen INGKA-Stiftung ist, wird keiner dieser Gewinne besteuert. Der gemeinnützige Status der Stiftung bedeutet auch, dass die Kamprad-Familie diese Gewinne nicht direkt ernten kann, aber die Kamprads sammeln einen Teil der IKEA-Umsatzgewinne durch die Franchising-Beziehung zwischen INGKA Holding und Inter IKEA Systems.“

mit dabei, ein video mit: The story of how IKEA and HARVARD found themselves mired in a corruption scandal in one of Europe’s poorest countries.

Ein Konzert im Elbtunnel und Digital 4.0

Kritik an Musikprojekten, bei denen es um aktuelle Musik geht kommt selten vor. Der Eindruck überwiegt: Musikprojekte aktueller Musik sollen gefeatured werden, bei Facebook verlinkt, gepostet “ tolle Musik hier .. und da“, ich war dabei, „meine Freund XY.. haben die Stücke aufgeführt, alles toll“. Und der aktuellen Musik soll mehr Öffentlichkeit verschafft werden. Vielleicht auch: der, oft rechten Kunstfeindlichkeit etwas entgegensetzen, ist wichtig, Kritik kommt genug von deren Seite.

Dagegen spricht: damit werden die Projekte sakrosankt, können sich bestenfalls wiederholen, mit all ihren Mängeln. Musikkritiker der rechten Szene interessiert die Kritik ohnehin nicht, sie sind gegen Alles, was ihr reaktionäres Weltbild in Frage stellt. Die solide Basis an Ignoranz in Gesellschaft, Parteien und Medien gegenüber aktueller Musik wird sich nicht bald ändern lassen. Das Posten und Sprechen über aktuelle Musik, wird dann schnell zum  „weiter so..“ im Ergebnis wird es zu Propaganda.

Beim Elbtunnel Konzert waren 144 Musiker*innen beteiligt,  aufgeführt wurden fast 20 Kompositionen von Alvin Curran, Georg Hajdu, Nicolas Collins, Xiao Fu, Jacob Sello, u.a. .
Geprobt wurde an vier Tagen, bei einer Proben Dauer von 10 Stunden und vier einstündigen Konzerten im unterkühlten Elbtunnel, ist ein Aufwandsentschädigung von 50 € zu wenig. Die Hamburger Kulturbehörde konnte offenbar nicht fördern, dafür freute sich Hamburgs Bürgermeister, das Konzert zu eröffnen.
Die aufführenden Musiker*innen waren verschiedenen Alters und Musikszenen, eine Kenntnis von Spieltechniken der neuen Musik wurde nicht vorausgesetzt. Ob es daran lag, einige Kompositionen reduzieren ihr Material, andere neigen zu esoterischen Handreichungen. Auf der anderen Seite sind Noten nicht transponiert, mit wenig instrumentaltechnischen Kenntnissen notiert.
Manch konkrete, nur im Elbtunnel vorhandene Option blieb ungenutzt.
Erstaunlich gut funktionierte die digitale Übermittlung der Notationen auf die 144 Tablets, überhaupt, die Organisation des groß angelegten Projekts mit Forum, Mail Infos usw. Und fast nebenbei kamen etliche der Beteiligten in Kontakt mit aktueller Musik, lernten in kurzer Zeit „nicht tonale Musik“ kennen und präsentierten das Projekt vielen aufmerksam zuhörenden Zuhörer*innen.

Heiner Metzger

Wie verkaufe ich meine aktuelle Musik

eine Liste von Trends in der aktuellen, neuen und improvisierten Musik:

sexy (neu war es eher 2016/7, eigentlich schon fast „peinlich“ – ein Wort mit zunehmender Beliebtheit, was es meint, darüber entscheiden wieder Trends), irgendwo in der Ankündigung kommt das Wort sexy vor

i ask you, what can you say about?, tell me, send me,  i collect – whow, that’s it
klappt gut über facebook

Wandelweiser, ein Musiker*innen Kollektiv mit verbindender Ästhetik, CD und Noten Verlag
wie über Wandelweiser schreiben, ohne Wichtiges auszufiltern?

.. wird fortgesetzt

 

 

Extreme Gutmenschen?

Zur späten Frühstückszeit am 4. August 2015 im Deutschlandfunk,
Katja Schneidt im Gespräch mit Mario Dobovisek.
Herr Dobovisek versucht sich in Realitätsbeschreibung: „Morgen kommen 50 Flüchtlinge in die Stadt“, dann muss es ganz schnell gehen – (…). Die zunehmende Zahl an Flüchtlingen ist eine Belastung für die Städte und Gemeinden. Mettmann (ein Ort in Nordhessen, d.V.) hat unter anderem deshalb bereits die Grundsteuer erhöht.(… um ca. 3% oder war es ein Vorwand?, d.V.)
Der Schauspieler Til Schweiger hat vor zwei Wochen auf seiner Facebook-Seite im Internet einen Spendenaufruf des „Hamburger Tageblatts“ für Flüchtlinge geteilt und wurde anschließend mit tausenden Kommentaren überhäuft – einige davon waren sehr kritisch, zum Beispiel, „Uns Deutschen hilft ja auch keiner, die wollen alle bloß die Kohle abgreifen, wo soll das noch enden?“ Schweiger platzte der Kragen, noch am gleichen Tag antwortete er:“Oh Mann- ich habs befuerchtet!! Ihr seid zum Kotzen! Wirklich! Verpisst Euch von meiner Seite, empathieloses Pack! Mir wird schlecht!!!“
(mehr über den link oben)
und kurz danach Dobovisek:
„Und Til Schweiger will auch weiterhelfen, engagiert sich für den Aufbau eines Flüchtlingsheimes in Osterode im Harz. Aber sind die kritischen Fans, die er beschimpft, durchweg Nazis? Die Autorin Katja Schneidt sagt Nein und antwortet Schweiger auf Facebook ausführlich Ende vergangener Woche und löst damit wiederum eine neue Debatte aus. (…) Ich grüße Sie, Frau Schneidt!
Katja Schneidt: Ich grüße Sie!
Dobovisek: Warum sind Til Schweigers Fans Ihrer Meinung nach keine Nazis?“

Oha!! Til Schweiger hat nicht von Nazis geschrieben, sondern manche seiner Kritiker als „empathieloses Pack“ charakterisiert. Personen, die falsch zitieren, um dann in Kommentaren oder Fragen Stoff für die eigenen Ressentiments zu haben oder solche zu provozieren, werden in Internetforen als Trolle bezeichnet.
Hr. Dobovisek ein Troll? Eher ein Troll mit Tarnkappe, denn die Ressentiments breitet nun Katja Schneidt aus.
Und Frau Schneidt kann es, sie liest „Herr Schweiger“ die Leviten, er hätte „differenzieren“ müssen, bei seiner „Vorbildfunktion“, und überhaupt, „seit 2010 haben sich die Zahlen der Asylsuchenden verachtfacht“ – aha, von 3000 auf 24000 oder von 1 Million auf 8 Millionen?

Wir werden in diesem Jahr fünf Milliarden Euro bereitstellen müssen, um das stemmen zu können. Im Gegenzug ist die Rentenerhöhung immer noch unter der Inflationsrate.“

Also, wenn eine die Zahlen kennt, dann Fr. Schneidt.  War sie bislang für eine Rentenerhöhung eingetreten – und was hat die Rentenpolitik nun mit Geldern für die Asylsuchenden zu tun?

Aber so werden Ängste geschürt: „Das Problem ist, dass wir aber fast 40 Prozent Wirtschaftsflüchtlinge aus den Balkanländern haben und dass diese Menschen teilweise fünf, sechs Monate hier sind, bevor sie in ihre Heimatländer zurück abgeschoben werden…
und so weiter, Innenminister de Maziere kann sich auf seine medialen Vorbereiter  verlassen.

Wie die Wirtschaftsflüchtlinge zu solchen werden, das Denken oder Reden darüber wäre zuviel für die Beiden, wo sie sich gerade so gut verstehen.
Also Hr.Dobovisek will es noch mal von ihr wissen: „Aber warum denken Sie, entlädt sich dieser Frust und der Hass dann ausgerechnet auf jene, die überhaupt nichts für die angesprochene Problematik können, nämlich die Flüchtlinge?“
– und siehe da, Fr. Schneidt antwortet mit derselben Trollstrategie, die er zuvor ins Spiel brachte: „Man muss wirklich differenzieren“… „Nicht jeder, der einfach mal Ängste äußert oder sich Sorgen über die Zukunft Deutschlands macht, ist gleich ein Nazi“
– 
kein Nachfragen, nein, die Interviewpartner verstanden sich auf Anhieb, und so soll das Trollgekuschel auch weitergehen:

Dobovisek:
 Und dazwischen liegt vielleicht der Begriff Asylkritiker – sind Sie eine Asylkritikerin?  Schneidt: Nein, ich bin definitiv keine Asylkritikerin

Nein, wie das denn? Sie will nur den „falschen Flüchtlingen“ sofort die Tür weisen, die ihre Altersrente bedrohen – sie als Bestsellerautorin fühlt mit uns/euch, ihr armen, minderbemittelten Deutschen. Denn das Ganze ist „ein Faß ohne Boden“ – und so weiter, usw. – nun es ist das Morgenradio im Deutschlandfunk, der funkt für Deutschland und das denkt dann ebenso, wie der DLF Auftrag lautet – also lieber ausschalten?

Doch da läuft Fr. Schneidt nochmal in Höchstform auf.
Hr. Dobovisek hatte ihr gerade geschmeichelt: „…auch Ihr Post, Frau Schneidt, wurde ja tausendfach geteilt, wir haben es vorhin gesagt und kommentiert – haben Sie damit gerechnet?
Schneidt: Nein. Also ich habe damit überhaupt nicht gerechnet… es kann doch nicht sein, dass jeder, der auch nur mal irgendetwas kritisch anmerkt, sofort in die Naziecke gestellt wird.“
– soll es so langweilig weitergehen?- nein Hr. D. fragte nach:
… -offenbaren die sozialen Medien wie Facebook oder Twitter jetzt all das, was sonst eher im Verborgenen gebrodelt hat?
Wieso im Verborgenen? Brennen Flüchtlingsunterkünfte im Verborgenen, stehen die unzähligen Hasskommentare in den Zeitungen im Verborgenen?
Fr. Schneidt vermittelt: Ich denke mal, das ist doch ganz klar. Natürlich haben wir hier Nazis, natürlich haben wir hier Menschen mit einer rechten Gesinnung, das ist gar keine Frage. Wir haben auch extreme Gutmenschen, die eigentlich schon Anti-Deutschland eingestellt sind, auch das haben wir.“

Ja auch das haben wir, das muß nun mal gesagt werden,  stellt euch das mal vor, Gutmenschen, die extrem Anti-Deutschland sind, „die eigentlich schon Anti-Deutschland eingestellt sind“ – selbst die Grammatik setzt aus bei solch echter Empörung; aber so ganz sicher ist sie sich nicht, die sind ja nur „eigentlich“ „Anti-Deutschland eingestellt“, eigentlich sind sie wahrscheinlich verblendet und denken, sie müssten, dabei müssen sie ja gar nicht, warum denn auch – was soll dieses Sprachgeschwurbel?
Egal. also die Gutmenschen bedrohen Deutschland, die sind, nein, die gehören an den Rand: „Aber man kann das doch nicht als die Masse der Bevölkerung abbilden.“

Hat das jemand außer außer den Beiden getan?
Auch egal – Dobovisek: Die Autorin Katja Schneidt über Angst und Wut und die Vielzahl an Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen. Ich danke Ihnen für das Gespräch!
Schneidt: Bitte schön, sehr gerne!“

Die „Empathie“ spielt in den letzten Jahren als Begriff  in öffentlichen Debatten ein größere Rolle, vor 10 Jahren wäre die Tagespresse eher auf Umschreibungen wie Mitgefühl, Mitleid, Hilfsbereitschaft angewiesen, nur wenige Leser hätten mit dem Begriff  Empathie etwas anfangen können.
In dem Interview von Hr. Dobovisek liefert er Frau Schneidt das falsche Zitat aus dem Posting von Till Schweiger: empathielos = Nazis, und behauptet damit etwas, um das Interview in Gang zu bringen.
Frau Schneidt springt darauf an und kann ihre schlichte Weltsicht ausbreiten, sich selbst als hilfloses Opfer stilisieren – die eigenen Bücher verkaufen sich danach sicher besser.

Und dann fragen sich die Qualitätsjournalisten in den Expertenrunden, wie kam es zum Erstarken des Populismus, kreisen um die schwächsten Argumente in selbstgefälliger Einfalt, wohl wissend, wir bleiben, gut bezahlt, beim öffentlich rechtlichen Rundfunk, die Stimmungsmacher.

Berichte und Bilder aus der NS Zeit zeigen begeisterte Anhänger, die nur so vor Mitgefühl für alles Deutsche trieften. Die wirkungsvollste Masche der Nazis, um Deutsche für ihre Verbrechen zu begeistern, war das hervor kitzeln des Mitgefühls  (Empathie) für alles Deutsche, für die deutschen Interessen, gegen die Bedrohungen alles Deutschen, die „Blutverderber der Deutschen“ usw. – empathielos kann das nicht benannt werden.
Doch die extremen Gutmenschen sind Anti-Deutschland eingestellt sagt Frau Schneidt und Hr. Dobovisek stimmt ihr freudig zu – im Deutschlandfunk, am 4. August 2015 morgens um 8 Uhr.

Eine Kommentarmöglichkeit hat der DLF nicht – so bleibts im Verborgenen, „was da brodelt“.

 

„Der aktuelle Atomdeal mit dem Iran ähnelt Atomvertrag mit Nord Korea…“

Entwicklung in Nord Korea:
Nordkoeanisches Kernwaffenprogramm (Wikipedia)
im Kontrast zu den Jubelkommentaren in DLF, Dradio und in der deutschen Presse:
Stephan Grigat kritisiert im RBB den Atom-Deal mit dem Iran:

… die Behauptung, Netanyahu und seine „Hardliner“ allein würden in Israel das Abkommen kritisieren, ist unwahr, auch die Opposition hat dazu eine kritische Position.

 

Die deutsche Besatzung(spolitik) in Griechenland und ihre „Bewältigung“ . Hagen Fleischer Dez. 2013

Prof. em. Dr. Hagen Fleischer, Jg. 1944, lehrt weiterhin an der Universität Athen neue und neueste Geschichte in Oberseminaren.
Der vorliegende Beitrag ist die überarbeitete Fassung seines Vortrags beim internationalen Symposion der Südosteuropa-Gesellschaft zum Thema „Vor‐ und Gründungsgeschichte der Südosteuropa- Gesellschaft: Kritische Fragen zu Kontexten und Kontinuitäten“ (Redaktion des Beitrags: Dr. Claudia Hopf).

darin:

„Als dann am 12. Oktober 1944 die Wehrmacht angesichts der sich verschärfenden gesamtstrategischen Lage aus Athen abziehen musste, legte eine Ehrenkompanie am Grabmal des Unbekannten Soldaten einen Kranz nieder, um „zu bekunden, dass die Deutschen nicht als Feinde Griechenlands das Land betreten“ hätten. Verdrängt wurde die Erinnerung an Zehntausende zivile Opfer des Repressalterrors, an die 60.000 jüdischen Opfer des rassistischen Genozids. Weit über 100.000 Menschen krepierten elendiglich an Hunger, die Gebur‐tenrate stürzte ins Bodenlose. Jeder dritte Grieche litt an epidemischen Infektionskrankheiten (Malaria, Tuberkulose, Typhus, etc.); in manchen Regionen waren 60‐70 % betroffen, insbesondere Kinder. Kaum zu berechnen sind die Verluste durch die Hyperinflation sowie die deutsche Zerstörung der Infrastruktur als Folge raubwirtschaftlicher Ausbeutung (Bergwerke, Wälder, etc.) und systematischer Vernichtung bei Sühnemaßnahmen oder während des Abzuges: Die meisten Eisenbahnbrücken gesprengt, weit über 80 % des rollenden Materials ruiniert oder entführt; 73 % der Handelstonnage versenkt, fast 200.000 Häuser total oder zum Teil zerstört.“

„In einer Ressortkonferenz forderte Staatssekretär Karl Carstens (der spätere Bundespräsident): Sollten sich die Hellenen weiterhin störrisch erweisen, „dürfte es notwendig sein, gegenüber Griechenland Repressalien [sic] vorzunehmen“ – etwa in Form einer öffentlichen Warnung vor der Einreise, die ernste Konsequenzen für den Tourismus hätte.“

Textquellen siehe verlinkter Text.

„Deutschland hat nie bezahlt“

2 Zitate aus dem  Interview mit Thomas Piketty  in der Zeit Online (27.6.15) :


„Wenn ich die Deutschen heute sagen höre, dass sie einen sehr moralischen Umgang mit Schulden pflegen und fest daran glauben, dass Schulden zurückgezahlt werden müssen, dann denke ich: Das ist doch ein großer Witz! Deutschland ist das Land, das nie seine Schulden bezahlt hat. Es kann darin anderen Ländern keine Lektionen erteilen.“

„Deutschland ist wirklich das Vorzeigebeispiel für ein Land, das in der Geschichte nie seine öffentlichen Schulden zurückgezahlt hat. Weder nach dem Ersten noch nach dem Zweiten Weltkrieg.“

Elbkulturfonds 2015 • 50 : 7 die Gewinnchancen

Insgesamt 57 Anträge aus verschiedenen Sparten und Themengebieten sind für den Elbkulturfonds 2015 bei der Kulturbehörde Hamburg eingegangen. „Bei der Jury des Elbkulturfonds handelt es sich um ein von der Kulturbehörde unabhängiges Gremium aus externen Experten aus dem Bereichen Kunst und Kultur. Die Jury trifft ohne Einfluss seitens der Kulturbehörde ihre Entscheidung. Bei der diesjährigen Jurysitzung des Elbkulturfonds 2015 ergab es sich nun erstmalig, dass die Jury durch die ausgewählten Projekte einen inhaltlichen roten Faden erkannte und zum Ausdruck bringen wollte. Dieser rote Faden wurde auf Betreiben der Jurymitglieder entwickelt.“
Wie bereits in den Jahren 2013 und 2014 wurden sieben zu fördernde Projekte benannt. Der Jury gehörten dieses Jahr Frau Prof. Sabina Dhein, Hochschule für Musik und Theater, Hamburg, Herr Prof. Dr. Florian Matzner, Akademie der Bildenden Künste, München, Herr Prof. Dr. Friedrich von Borries, Hochschule für Bildende Kunst Hamburg, Herr Matthias von Hartz, Berliner Festspiele, Berlin und Frau Dr. Margarte Zander, freie Journalisten Berlin/Hamburg, an.
…Der rote Faden wurde erkannt – ganz zufällig von einer Jury mit Matthias von Hartz, der langjähriger Leiter des Sommerfestivals auf Kampnagel war. Anzunehmen ist die Aufführung einiger Projekte des Elbkulturfonds auf Kampnagel:
Jan Dvorak und Baltic Raw ist dort ständig präsent, wo wird der  Der Botschafter: ein deutsch-afrikanisches Singspiel, oder „Planet Hamam – Das osmonische Reich“ aufgeführt?
Die Auswahl  fördert Künstlerinnen, die schon des öfteren mit Fördergeldern bedacht wurden (die ersten 4). Eher ärgerlich für die 50 nicht geförderten Projekte, nachdem der rote Faden gefunden  Elbkulturfonds 2015 • 50 : 7 die Gewinnchancen weiterlesen

Künstler machen auf Ikea – in Hamburg

am 30.6.14 eröffnet Ikea seine 1. Innenstadtfiliale in Hamburg-Altona, genauer, in der Großen Bergstraße inmitten eines Wohnviertels.Dafür wurden mithilfe einer beispiellosen Medienkampagne die lokalen Widerstände liquidiert.  mehr dazu >>
Die lokalen Künstler und „Kunst“ Veranstalter sollen und wollen offenbar bei der ästhetischen Anpassung dabei sein. …. hierzu eine Sammlung:
die Altonale, nervt seit fast 20 Jahren mit ihren Freßbuden, dem kümmerlichen Künstlermitmischen usw.

  • da müssen dann auch die unterfinanzierten Stadtteil Kulturzentren  mit einigen Events dabei sein – und die kostenlosen Stamp Künstler betreuen – sonst wird das Bezirksamt böse…
  • das „umgekehrten Dokumentarismus“ Projekt im Künstlerhaus Frise kommt zwar aus Kopenhagen. Die Exponate wirken wie dem Ikea Katalog für die gehobene Mittelschicht entnommen. Die Veredelung des Ikea Images gabs vor 5 Jahren schon mal im Museum für Kunst und Gewerbe mit einer Ikea Design Ausstellung – in der Pinakothek der Moderne in  München und wo noch immer sonst auch.

 

Krim – Simferopol – Massenexekution von 14 000 Juden (9.-13.12.1941) – der „Fall Eggebrecht“

Viel wird momentan über die „Krise“ in der Ukraine geschrieben, gesprochen und gepostet. Ganz aktuell, die Stadt Simferopol auf der Krim. Vor gut einem ¾ Jahr war der Ort Simferopol schon mal Thema in einigen wenigen deutschen Medien: Die Diskussion um den „Fall Eggebrecht“ verwies auf  jene Feldgendarmerieabteilung 683, die „1941 in Simferopol auf der Krim an einer Massenexekution von 14 000 Juden beteiligt war.“
Zwischen dem 9. – 13.12. 1941  wurden mindestens 14000 Menschen jüdischen Glaubens  von Erschießungskommandos ermordet.
„Dieses Verbrechen in Simferopol markiert mit weiteren vergleichbaren Massenhinrichtungen die Frühphase des Holocaust, der sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht als anonymes, maschinelles Auslöschen darstellte, sondern als Töten, bei dem Täter und Opfer unmittelbar miteinander konfrontiert waren.“ Neuere Forschungen von Boris von Haken hatten ergeben, daß ein „bedeutender Ordinarius bundesdeutscher Musikwissenschaft, Hans Heinrich Eggebrecht, Mitglied  jener Feldgendarmerieabteilung 683 gewesen war.

Eine Realität, die von vielen deutschen Musikwissenschaftlern offenbar ähnlich ausgeblendet wurde (daher die Bezeichnung „der Fall Eggebrecht“), wie die Tatsache, daß die russische Regierung eine andere Erinnerung an die deutschen Einmischung in die ukrainische Politik hat, als der Mainstream der deutschen Medien oder ihr Schmuseboxer W.Klitschko.

Recht auf Stadt für alle? • Interview mit A.Holm • SZ 2.12.13

aus dem lesenswerten Interview von Laura Weißmüller mit Andre Holm in der SZ 2.12.13:
„Kann es sie geben, die Stadt für alle?
Nein. Das ist ein Mythos, der zu einer völligen Depolitisierung von Stadt- und Wohnungspolitik führt. Wir haben in allen Gesellschaftsbereichen soziologische Befunde, die besagen, die Gesellschaft fragmentiert sich immer weiter. Es wäre völlig absurd davon auszugehen, dass ausgerechnet in der Stadt und der Frage des Wohnens eine große Harmonie und Einheitlichkeit gefunden werden kann. Aber fast alle Parteien versprechen, die Stadt für alle zu bieten – mit jeweils unterschiedlichen Ausschmückungen. Es gibt keine Partei, die sagt, ich vertrete die Belange der Hartz-IV-Empfänger und Familien, die sich in den Zentren keine Wohnung mehr leisten können. Dabei wäre es sehr viel ehrlicher, wenn man verstehen würde, wer eigentlich für welche Interessen streiten möchte.“

Die Forderung nach der Stadt für alle ist also vor allem politische Augenwischerei?
„Die Stadt für alle suggeriert: Es wird eine technische Lösung geben, die es allen recht macht. Aber es wird keine Wohnung für alle geben. Die Wohnung ist immer nur für einen da. Es geht darum, die Konkurrenzen sichtbar zu machen und einen Modus zu finden, wie man regulierend eingreift. Die Stadt für alle kann es gar nicht geben, weil Stadt immer umkämpfter Raum ist.“